One Question (KG)

„Weißt du schon welche Frage du stellen wirst?“, fragt das Mädchen neben mir und ist damit offiziell die 1.000.000 Person, die mir diese Frage stellt. 
Ich gebe mir die größte Mühe nicht allzu genervt auszusehen und wende meinen Blick vom Vorhang ab. Das Mädchen schaut mich aus neugierigen Augen an, also ringe ich mich zu einer Gegenfrage durch. „Weißt du es denn schon?“
Sie antwortet mir irgendetwas, wahrscheinlich über all die tiefsinnigen Fragen, die sie im Kopf hat, aber ich höre ihr gar nicht zu. 
Meine Aufmerksamkeit liegt auf dem Vorhang, dem ich mit jeder Minute ein bisschen näher komme. Die anderen Mädchen um mich herum sind voller freudiger Aufregung – sie freuen sich schon seit Monaten auf diesen Tag und können es kaum erwarten endlich den Raum hinter dem Vorhang zu betreten. 

Und ich? 
Als anscheinend einzig normale – oder einzig verrückte – Person hier würde ich lieber über ein Nagelbrett laufen als hier zu sein.
Egal wie oft mir meine Eltern erklärt haben, wie es zu diesem System gekommen ist und was für eine große wissenschaftliche Errungenschaft es ist – größer als die Besiedlung des Mars, größer als die Erschließung der Wüsten und Pole, größer als all die wissenschaftlichen Erfindungen, die in den letzten hundert Jahren in unserer Welt passiert sind – ich hasse es immer noch. Egal wie oft mir erklärt wurde, dass dieses System nur Vorteile hat – es spart Zeit, bewahrt vor schlechten Gefühlen, sichert unseren Fortbestand– für mich ist es nicht das größte, sondern das schlimmste, was die Menschheit bis heute erfunden hat. 
Es heißt, ein System wie dieses zu finden, war schon seit Jahrzehnten der Traum der Menschen. Es gab wohl schon im 21. Jahrhundert Vorläufermodelle. Damals mussten die Menschen ihre Daten noch selber per Hand in einen Computer eingeben und niemand konnte überprüfen, ob sie die Wahrheit sagen. Und genau das war das große Problem – zu mindest bezeichnen unsere Geschichtsbücher es so. 
Die Vorläufermodelle konnten nicht funktionieren, doch mit der Erfindung des Mind Scannings und des anschließenden Gesetzes, das jeden Menschen dazu zwingt alle drei Jahre ein Mind Scanning durchführen zu lassen, haben es möglich gemacht. 

Inzwischen sind alle Mädchen, die vor mir dran waren, registriert worden und haben sich ihrem Schicksal gestellt. Oder ihrem Glück – wie sie es bezeichnen würden.
Ich bin dran und der Mann schaut kurz von seinem Computer hoch. Er deutet auf den Fingerabdruck Scanner ohne etwas zu sagen und ich lege meine Finger auf die Fläche. 
Auch ohne den Bildschirm zu sehen weiß ich, dass der Mann nun in meine Akte eingetreten ist. Er tippt einiges und winkt mich dann weiter. 
Durch den Vorhang gelange ich in einen Raum, der einem kleinen Kino ähnelt. Nachdem noch einige weitere Mädchen den Raum betreten und sich gesetzt haben, erlischt das Licht und eine Projektion beginnt. Wir sehen uns eine Rede unserer Präsidentin an. 
Meine Oma hat mir erzählt, dass zu ihren Zeiten solche 3D Projektionen von Menschen noch nicht möglich waren und sie all ihr Informationen nur von 2D Videos erhalten haben. Ich frage mich, wie langweilig ihnen das Kino wohl vorgekommen sein muss, wenn so deutlich war, dass es sich um eine Aufnahme und nicht um echte Menschen handelte, die sie vor sich hatten. 

„Ihr habt die große Ehre Teil dieses Programms zu sein und statt auf euer Glück zu hoffen oder ihm nachzulaufen, so wie es unsere Vorfahren tun mussten, ist euch das Glück gewiss. Das Zeitalter der Unsicherheit liegt dank unserer wissenschaftlichen Erfolge hinter uns und ihr dürft die Früchte der harten Arbeit eurer Großeltern und Eltern genießen. Ich gehe davon aus, dass ihr euch alle gut vorbereitet habt für diesen besonderen Tag und besonders gut über eure „One Question“-Zeit nachgedacht habt, aber seid euch gewiss: Die Wissenschaft und die Erfahrungen stehen hinter euch, also genießt diesen wichtigen Schritt ins Erwachsenenleben“, schließt unsere Präsidentin und die Projektion endet. 
Eine Frau beginnt nacheinander Namen aufzurufen und jedes Mädchen mit einem Hilfsroboter loszuschicken. Dem jeweiligen Roboter programmiert sie durch den Fingerabdruck des Mädchens den richtigen Weg ins System. 
Als ich dran bin und mein Roboter losfährt, um mich zum richtigen Raum zu bringen überlege ich, zu versuchen ihn kaputt zu machen und dann zu fliehen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er stabiler ist als meine Faust. Außerdem würde er sofort eine Meldung an die Hauptzentrale schicken, wenn ich einen Fluchtversuch starten würde. 
Und da sag noch einmal jemand, die neue Technik schenkt uns mehr Freiheit … 

„Weißt du schon welche Frage du stellen wirst?“, fragt mein kleiner Roboter und dieses Mal gebe ich mir keine Mühe, sondern stöhne auf. Er ist schließlich eine Maschine, also kann ich seine Gefühle auch nicht verletzen. 
„Das ist eine ungewöhnliche Antwort auf diese Frage. Ich bin mir nicht sicher, ob ich sie einordnen kann“, erwidert er und fährt um eine Ecke. 
„Das musst du auch nicht“, sage ich genervt, „Ich denke, ich werde die Jungs einfach fragen, ob sie lieber in Salz- oder in Süßwasser schwimmen.“
Der Roboter sieht mich an und ich sehe, wie das System in seinem Körper arbeitet. Auf so eine sinnlose Frage ist er nicht programmiert worden. 
„Ich bin mir sicher, du hast lange darüber nachgedacht und es ist die richtige Frage für dich“, sagt er schließlich seine Standardantwort für Fragen, die er nicht anderweitig beantworten kann. 
In unserer Welt gibt es definitiv schlauere Roboter, aber Wegweiser-Roboter sind billige Modelle, die mit wenig Kapazität für wenig Geld gebaut werden. 

Schließlich kommen wir an und er öffnet mir die Tür. 
Ich betrete den Raum und mein Blick fällt auf einen gutaussehenden jungen Mann, der an einem Tisch sitzt. Er grinst mich mit einem freudigen und gespannten Lächeln an und in dem Moment, in dem ich das sehe, wäre ich am liebsten rückwärts wieder rausgegangen. 
Ich weiß, dass dieser Junge – genau wie die anderen Jungs, die ich heute treffen werde – all dem entspricht, was mein Kopf erwartet von einem zukünftigen Mann, sowohl in meinem Bewusstsein, als auch in meinem Unterbewusstsein. Das Mind Scanning weiß mehr über meine Wünsche und Gedanken als ich selber und kann dadurch bessere und optimiertere Entscheidungen treffen als ich es könnte. 
Ich setze mich und der Wissenschaftler, der uns zugeteilt ist, sieht mich auffordernd an, also stelle ich meine Frage. „Schwimmst du lieber in Salz- oder in Süßwasser?“
Dem Jungen mir gegenüber fällt das Grinsen aus dem Gesicht. Damit hat er nicht gerechnet, schließlich ist es uns nur erlaubt eine einzige Frage zu stellen und normalerweise verschwendet man diese nicht. 
„Süßwasser würde ich sagen“, sagt er dann verunsichert von der Situation. 
Er blickt zu dem Wissenschaftler, aber dieser notiert nur fleißig Dinge auf seinem Tablet. Faszinierend wie viel er anscheinend aus diesem Gespräch herauszulesen meint. 
Der Junge fragt mich – ganz tiefsinnig – nach meiner Lebensphilosophie. 

Als ich den Raum wieder verlasse und mit meinem Wegweiser-Roboter zum nächsten Raum gehe, mache ich mental den ersten Hacken. Fehlen nur noch zwei. 
Jedem Jugendlichen werden drei potenzielle Partner vorgestellt. Alle drei haben mindestens eine Komptabilität von 99% basierend auf dem Mind Scanning. Die „One-Question“-Zeit ist deswegen nicht dafür da, um inhaltlich zu verstehen, ob dein Gegenüber die gleichen Interessen, Lebensvorstellungen oder Angewohnheiten hat wie du selber, sondern einzig und allein dafür, um zu sehen ob der Faktor Y stimmt. 
Faktor Y nennen die Wissenschaftler das, was meine Oma liebevoll als „die Chemie die stimmt“ oder „der Funke der überspringt“ bezeichnet. Ich habe diese Vergleiche nie so richtig verstanden, aber das liegt wohl daran, dass sie aus einer anderen Zeit kommt. Der Faktor Y ist im Endeffekt einfach die eine Sache, die Wissenschaftler bis heute nicht ganz berechnen können. Was sie jedoch berechnen konnten ist, das dieser Faktor Y sich innerhalb weniger Sekunden nach dem ersten Zusammentreffen entscheidet und deswegen nicht mehr als ein kurzes Gespräch, bestehend aus zwei Fragen und zwei Antworten nötig ist. 

Mein zweites Gespräch läuft ziemlich ähnlich zum ersten und mit dementsprechend vorbelasteter Laune, öffne ich die Tür zu meinem dritten Treffen. 
Mein Blick fällt auf den Jungen am Tisch. Seinen Gesichtsausdruck kann ich nicht deuten und diese Tatsache fasziniert mich. Ich habe erwartet, einen weiteren nervig freudig lächelnden Jungen zu sehen, aber das Mind Scanning scheint wohl in diesem Punkt einen guten Job gemacht zu haben. 

Dieses Mal entscheide ich mich im letzten Moment noch um und frage ihn statt nach seiner Wasserpriorität eine Frage, die noch sinnloser ist, um ihm und dem Wissenschaftler, der mit uns am Tisch sitzt, ganz klar zu zeigen, wie sehr mir dieses System missfällt. 
„Wenn ich „handhaben“ sage, denkst du dann zu erst an „handhaben“ zusammengeschrieben oder an eine „Hand haben“ auseinandergeschrieben?“
Er mustert mich und einer seiner Mundwinkel hebt sich. Ich hatte gehofft, dass er sich erschreckt über meine Dreistigkeit, aber es scheint fast so, als hätte er mit so etwas gerechnet. 
„Definitiv eine wichtige Frage“, sagt er dann in einem Tonfall, als würde er tatsächlich angestrengt über seine Antwort nachdenken, „Ich würde sagen, ich denke zuerst an die zusammengeschriebene Version, weil ich in den letzten Wochen so oft gefragt wurde, wie ich die „One-Question“-Zeit handhaben werde und dieses Wort deswegen im Moment sehr präsent in meinem Kopf ist“, antwortet er dann mit ernster Stimme. Ich sehe dem Blitzen in seinen Augen an, dass es ihm die Situation Spaß macht.
„Und mich würde interessieren“, beginnt er seine Frage, „ob du deinen Teebeutel normalerweise nach der Ziehzeit rausnimmst oder aus Faulheit einfach in der Tasse lässt?“
Ich kann mir ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Seine Frage ist vielleicht fast noch ein bisschen weiter weg von tiefsinnig als meine. 
Als dieses System erfunden wurde, haben die Erfinder sicherlich nicht damit gerechnet, dass es auch Menschen wie uns geben wird. Menschen, die ihr Glück lieber suchen und vielleicht niemals finden, als es einfach vor die Nase gestellt zu bekommen. 

7 Kommentare zu „One Question (KG)

      1. Ich habe tatsächlich auch darüber nachgedacht einen Roman daraus zu machen und mich dann doch erst einmal für eine Kurzgeschichte entschieden. Naja, wer weiß, vielleicht greife ich die idee ja irgendwann nochmal auf

        Gefällt 1 Person

  1. Ein interessanter Gedanke, den Du da aufgreifst, dass selbst die Partnerwahl von der Technik berechnet und zugeordnet werden könnte. Errechnet aus dem Unterbewusstsein. Gruselig. Und alle folgen offensichtlich freudig dieser Zuordnung. Wie ermutigend, dass du den zwei Protagonisten humorvoll einen Ausweg zueinander gibst. Oder ist diese „Revolution“ Evtl. Sogar auch voraus berechnet! Du könntest jetzt mit einem gesamten Buch starten!
    Toll geschrieben!

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