Schicksalsstern (1/2) (KG)

Die Treppenstufen unter meinen nackten Füßen sind kalt, aber das ist mir völlig egal – so wie die meisten Dinge, die mir geblieben sind. Alles, was mir früher wichtig war, musste ich aufgeben bis mir nur noch diese eine Sache geblieben ist. Diese eine Sache, zu der ich gerade auf dem Weg bin. Ich bin auf dem Weg zu dem einzigen, was mir in meinem nutzlosen Leben wichtig ist. Ich bin auf dem Weg zu den Sternen. 
Auf dem Weg zu meinem einzigen Fenster zur Welt dort draußen. 
Nach zwei weiteren Schritten bin ich endlich da. Der Blick vom Dach zu den Sternen bringt mich immer zum Lächeln. Das Flachdach der leeren Ruine, in der ich wohne, ermöglicht es mir dort mit dem perfekten Blick auf die Sterne zu sitzen. Wenn ich zu ihnen hochschaue, fällt mein Blick immer als erstes auf den Stern meiner Schwester. Er scheint hell auf mich herunter. Natürlich tut er das … Sie ist ein Kind. Sie hat noch viel Zeit vor sich und ich habe nie mit ihr gesprochen. 
Der zweite Stern, den ich sehe, ist der Stern meiner Mutter, der jede Nacht dunkler wird. Ich weiß, dass das Licht mir das Leben zeigt und ich weiß auch, dass jedes Mal, wenn ein Stern aufhört zu leuchten, ein Mensch aufhört zu atmen. Das Licht eines Sternes nimmt ab, wenn die Lebensenergie eines Menschen abnimmt. Im Falle meiner Mutter ist es meine Schuld. Ich habe so viel mit ihr gesprochen, als ich zu jung war, um zu verstehen, was meine Stimme mit ihrem Leben macht.
Ich setze mich auf den Boden und betrachte die verschiedenen Sterne der Leute, die ich früher jeden Tag gesehen habe – Nachbarn, Freunde meiner Schwester und meiner Mutter. Letztere hat mich niemals mit ihnen reden lassen, aber ich habe mir immer vorgestellt, wie ihre Leben wohl aussieht und wie ich eines Tages mit ihnen rede.
Plötzlich wird der stille Moment von Stimmen unterbrochen, aber ich bin zu schockiert, um mich zu bewegen. Die Stimmen werden immer lauter; Die Personen müssen näher kommen. 
Näher an diesen Ort.
Näher an mich. 

Dieser Gedanke holt mich schließlich aus meiner Schockstarre. Nach dem Bruchteil einer Sekunde stehe ich auf den Beinen und bin bereit wegzulaufen. Ich bin gefährlich und muss diese Leute vor mir beschützen. 
Schritte auf der Treppe. 
Ich bin völlig in Panik, denn die Treppe, auf der ich die Schritte höre, ist mein einziger Ausweg von diesem Dach. Das einzige, das mir übrigbleibt ist, mich hier zu verstecken und zu hoffen, dass sie weggehen, ohne mich zu sehen.
Ich setze mich neben einen schmutzigen Stuhl, hoffentlich versteckt von der Dunkelheit. Gerade rechtzeitig bevor die erste Person das Dach betritt. Ich sehe nur ein Paar Schuhe, denn ich traue mich nicht meinen Kopf zu heben. Jede Bewegung könnte mich verraten.
„Hey Leute, kommt her!“, ruft die Person mit einer männliche Stimme die Treppe hinunter. Er ist nicht mehr als einen Meter von mir entfernt. Jemand anderes ruft etwas zurück, aber ich bin zu panisch, um es zu verstehen. Warum sind diese Jungs in mein Haus gerannt?
Es ist so abgelegen, so zerfallen, so unscheinbar.
Ich schiebe mich noch weiter Richtung Hauswand, um noch weniger gesehen zu werden. 
Knartz.
Ein Stein, den ich ausversehen berührt habe, hat einen kleinen Laut gemacht und ich könnte mich selbst schlagen für meine Dummheit. Der Laut war nur ganz leise, aber bei der Stille hier draußen im Nichts, muss der Junge es gehört haben. 
„Oh, was haben wir denn da?“, sagt der Junge und ohne ihn anzusehen, weiß ich, dass er mich entdeckt hat. Ich schaue auf meine Knie und traue mich nicht einmal zu atmen. 
„Was hast du hier oben gefunden?“, fragt eine andere männliche Stimme. 
„Wie schön der Blick von hier oben ist“, sagt eine weitere Stimme.
Die drei führen ein kurzes Gespräch und ich hoffe, dass der Junge mich vergessen hat, auch wenn das ungefähr so wahrscheinlich ist wie das ich meine Schwester je wieder sehe. 
Ich ziehe die Knie noch fester an die Brust und versuche noch kleiner zu werden und noch mehr in der Dunkelheit zu verschwinden. 
Ich höre Schritte auf mich zu kommen. „Dann lass uns doch mal sehen, was wir hier haben“, höre ich die Stimme des Ersten. 
„Ein kleines Mädchen.“
Ich bin 16 und nicht klein, aber ich sage nichts. Meine Stimme ist so gefährlich wie meine Existenz, also muss ich mich zurückhalten.
„Was machst du denn hier alleine, kleines Mädchen?“, fragt er mich, aber ich schweige. Solange ich mich nicht bewege oder spreche, kann ich sie nicht wirklich verletzen. Solange ich nicht spreche, kann ich ihnen nicht ihre Lebenszeit stehlen.
Die plötzliche Berührung einer Hand an meinem Bein lässt mich aufschrecken und schließlich doch aufschauen. Der Junge hat sich neben mich gehockt und sieht mich aus gespannten Augen an. 
Ich schaue einige Sekunden in seine Augen, doch bewege mich nicht. 
Er scheint zu verstehen, dass ich nichts sagen werde, also steht er wieder auf und geht zurück zu seinen Freunden. 
In den nächsten Minuten kann ich sie auf ihren Handys tippen und flüstern hören, aber zu leise, als dass ich etwas verstehen könnte.

Zehn Minuten später weiß ich die Antwort. Sie haben einen Krankenwagen gerufen, um mich abholen zu lassen, weil sie dachten, ich sei ein verlorenes Mädchen. 
Inzwischen sitze ich im Krankenhaus, weil sie mich dazu gezwungen haben, mitzukommen. Ein Arzt steht vor mir und versucht herauszufinden, wer ich bin und wo meine Familie ist, aber ich schweige.
„Kann ich versuchen, mit ihr zu reden?“, fragt der Typ vom Dach. Ich weiß nicht, wo die anderen beiden Jungs sind, aber er wollte unbedingt mit uns im Krankenwagen herfahren.
Der Arzt stimmt zu, er hofft wohl, dass ich mit dem Jungen sprechen werde, aber das werde ich nicht.
„Hey, kleines Mädchen“, beginnt er das Gespräch und nervt mich schon wieder damit. 
Ich hätte nicht gedacht, dass nachdem ich jahrelang keine Stimme mehr in echt gehört habe, das die ersten Worte sein würden. 
Jahrelang habe ich mich erfolgreich versteckt und dann kommen diese blöden, abenteuerlichen Jungs und machen alles kaputt. 
„Möchtest du mir sagen, wie es dazu kommt, dass ein kleines Mädchen wie du allein auf einem Dach sitzt?“, fragt er und ich wundere mich, ob er wirklich denkt, dass man so mit jemandem reden würde, der verschreckt ist. 
„Verdreckte Kleidung, keine Schuhe – du bist schon länger als ich mir vorstellen möchte nicht mehr in einem richtigen Zuhause gewesen, oder?“, fragt er weiter und ich hebe schließlich den Kopf, um ihm wenigstens durch meinen Gesichtsausdruck zu zeigen, dass er mich nervt. 
Ein Blick in meine Augen und er verstummt. Er wendet sich zu dem Arzt und sagt leise: „Wenn Blicke töten könnten… Ich glaube dieses kleine Mädchen wird nicht einfach.“
„Ich bin nicht klein“, krächze ich ohne es meinem Mund erlaubt zu haben. 
Scheiße! 
Das einzige, was ich tun muss, ist zu schweigen und nicht einmal das schaffe ich.
„Oh! Sie spricht“, scherzt er und einer seiner Mundwinkel hebt sich. Er macht einen Schritt auf mich zu, wohl in der Erwartung, dass ich jetzt noch weiter sprechen werde. 
„Können wir uns jetzt doch noch unterhalten?“, fragt er und erhält natürlich keine Antwort von mir. 
„Dann fange ich einfach an“, meint er, setzt sich neben mich auf mein Krankenhausbett und beginnt mir von sich zu erzählen. 
Obwohl ich die nächsten zwanzig Minuten nicht mehr spreche, setzt er seinen Monolog unbeirrt fort. Ein paar Mal bringt er mich zum Lachen und für jemanden, der sehr lange nicht mehr gelacht hat ist das allein schon eine sehr besondere Sache. 

Fortsetzung folgt … 

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